Die Geschichte der Narrenzunft Lauffen
Über das im Jahre 1248 erstmals schriftlich erwähnte Dorf „Lofin juxis Rottwil“ hielten jahrhundertelang die Klosterfrauen der Zisterzienserinnen ihre schützende Hand. In Lauffen bei Rottweil besaß das Kloster Salem im 13. Jahrhundert Besitztümer. Später war es das Zisterzienserinnenkloster Rottenmünster, mit dem der Ort durch den Güterbesitz durch Feld und Wald verbunden und dadurch abhängig geworden war. Die Äbtissinnen dieses reichsunmittelbaren Stifts vor den Toren der Reichsstadt Rottweil hatten im Dorf das Sagen, auch wenn es den Städtern keineswegs in den Kram passte. Es verwundert demnach nicht, dass es zwischen der Klosterverwaltung und der Stadt immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen ist. Die Macht des Klosters nahm dann mit der Säkularisation ein jähes Ende. „Lofin“ wie die Ortsbezeichnung in früherer Zeit lautete, ist dem Württembergischen Königshaus zugewiesen worden. Heute zeugen nur noch die Zehntscheuer und ein über dem Eingang in Stein gehauenes Wappenschild einer Äbtissin von der jahrhundertelangen Vergangenheit im Schutz des Reichsstifts.
Die Zehntscheuer am nahen Neckar, ein immer noch stattliches und guterhaltenes Gebäude, blieb eines der wenigen Häuser die das verheerende Feuer am Mittag des 5. Juli 1829 überstanden haben. In nicht ganz einer Stunde hatte der Dorfbrand 43 von insgesamt 69 Gebäuden erfasst und in Schutt und Asche gelegt. 268 Personen aus über 50 Familien würden obdachlos, besaßen abends nur noch, was sie auf dem Leib trugen. Noch in der Nacht wurde der Gemeinderat zusammengerufen um die Anordnung zutreffen, dass jeder Bürger in aller Frühe einen Laib Brot abzuliefern habe. Von nah und fern gingen Spenden für die Betroffenen ein.
In jenen Jahren hatten die Lauffener auch mit einer Industrialisierung gerechnet. Bergrat von Alberti wollte, neben der Salzgewinnung in Rottweil auch am Fuß des Stallberges Salz im Untertagebau fordern. Das Unternehmen musste später trotz enormer Investitionen aufgegeben werden. Während der vorn Neckar hergeleitete Kanal zu wenig Wasser brachte, stellten Wassereinbrüche den Schachtbau stets vor neue Schwierigkeiten. Im August 1850 kam dann das „Aus“.
Genau hundert Jahre später, 1950 sorgte eine andere Idee für Interesse. Die Lauffener harten eine Narrenzunft ins Leben gerufen, um der Ortsfasnacht eine Neuordnung zu geben. Wie in anderen Gemeinden auch sollte die ursprünglich von den Vereinen ausgerichtete Saalfasnet wie sie nach der Jahrhundertwende aufkam und zwischen den beiden Weltkriegen fortgesetzt wurde, langsam abgelöst werden. Bisher war die Musikkapelle treibende Kraft und hatte am Fasnachtsmontag zusammen mit den ortsansässigen Vereinen einen Umzug veranstaltet. Damals, 1950 ist Hans Schaumann zum Narrenvater wie es noch hieß, bestellt worden. Die Finanzen verwaltete Säckelmeister Josef Weber von der Niederhalde. Elferrat und Prinz schwangen in den Gründerjahren das Zepter. Die fünfziger und sechziger Jahre waren von den Einflüssen des rheinischen Karnevals geprägt. Der Umzug an der Fasnet, mit Wagen und Gruppen, war lange Zeit der einzige Höhepunkt. Herausragende Ereignisse in den Vorwochen waren der Schwarze Ball, der Musikerball und ein Hausball. Kreuzwirt Herbert Efinger, damals Mitglied im Elferrat, verzauberte zusammen mit seiner Frau und zahlreichen Helfern den Wirtshaussaal in ein Blumen- und Blütenmeer. Diese Veranstaltungen sind beiden Älteren in noch guter Erinnerung.
Einen Stock tiefer, in der Buchdruckerei, ist alljährlich das Lauffener Narrenblättle zusammengestellt worden. Nicht nur die Verfasser und Schreiber der Texte gaben sich die Klinke in die Hand, oft kam sogar Bürgermeister Lemperle und qualmte mit seinem nie ausgehenden Stumpen dazwischen, um wunderfitzig und schon im voraus zu erfahren was die Narren über ihn ins Blatt gesetzt hatten. Als in den zu Ende gehenden sechziger Jahren der Karneval zurückgedrängt werden sollte, weil die Rückbesinnung zum schwäbisch-alemannischen Brauchtum so manche Narrenzunft umdenken ließ, sich überlieferten Werten anzuschließen, haben auch die Lauffener eine „Reformation“ der Narretei eingeleitet. Hobbyschnitzer Wilhelm Ilg und Liselotte Vosseler schufen auf Geheiß des Narrenrates das heute typische Lauffener Narrenkleid, den „Lofiner Kröpfer“.
Die Narrenzunft schlug mit dieser Kreation zwei Fliegen mit einer Klappe: Der alte, ehemalige Ortsname kam zu neuen Ehren und der Neckname, mit dem die Dorfbevölkerung seit alters her gehänselt wird, ist demonstrativ ins Blickfeld gerückt worden. Sinn für hintergründigen Humor haben die Narren aber auch bei der Larvengestaltung bewiesen. Man hat die Masken keineswegs wegen einer „engen Bindung“ zur Rottweiler Narrentradition geschaffen, wie der Verfasser im Buch „Deißlingen und Lauffen gestern und heute“ anführt. Vielmehr entstanden Charakterlarven, wie sie in der gesamten südwestdeutschen Fasnetslandschaft bislang einmalig geblieben sind. Und noch etwas zeigt das Gegensätzliche: Haare und Bärte sind nicht, wie bei den bekannten Typenmasken aufgemalt, sondern werden mit dem Schnitzmesser herausgearbeitet. Weiter gibt es keinen einheitlichen Gesichtsausdruck. Die Larven sind teilweise Lauffener Originalen und Charakterköpfen nachempfunden. Nur eines ist den „Lofinern“ gemeinsam: der Kropf, ob er mehr seitlich oder in der Halsmitte platziert ist. Die Lauffener Maske kennzeichnet somit die Spätform der Larve oder Scheme. Haare, Bärte, Augenbrauen, wie sie heute mitgeschnitzt werden, kamen erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts auf. Die Masken vor dieser Zeit, wie wir sie aus den Alpenländern und aus den schwäbisch-alemannischen Fasnetslandschaften kennen, weisen, wenn überhaupt, nur eine aufgemalte Haartracht aus. Egon Rieble, ehemals Kulturreferent des Landkreises Rottweil, hat bereits 1980 die Lauffener Masken zu den schönsten und interessantesten Larvenschöpfungen gezählt, „die sich im Bereich charakterisierender Porträtlarven im südwestdeutschen Raum finden“.
Von Zunftmeister Siegfried Strebel wurde am 14.11.1970 das neue Narrenkleid, das unter mehreren Entwürfen ausgewählt worden war, vorgestellt Gefallen fand es auch bei den Mitgliedern. Das „Ureigene“, wie die Zunft es wollte, ist in der Figur verkörpert, gilt als Erkennungszeichen und hat eine sichtbare Ausprägung erfahren. Die am 13. Dezember 1969 vorgenommene Wiedergründung der Narrenzunft, die dabei auf zurückreichende Grundlagen gestellt werden sollte, hat ihre Bestätigung erfahren knapp zehn Jahre später war die Zahl der Narrenkleider auf rund 80 Stück angewachsen.
Dem Aufwärtstrend schlossen sich auch die Zunftoberen an und streiften 1977 ein neues Wams über Die Narrenräte präsentieren sich seitdem in Anlehnung an eine Landsknechttracht mit schwarzer Hose, Stulpenstiefeln, einem Wams mit „Schlitzärmeln“, in den Farben Rot, Gelb und Grün sowie der passenden Kopfbedeckung. Damit verbannte die Zunft den letzten karnevalistischen Einfluss aus ihren Reihen.
Im Jahr zuvor an Dreikönig, hat die inzwischen bekannte „Lofiner Fiaßwäsch“ ihren Anfang genommen. Wer auf die Idee kam, im tiefsten Winter, bei Eis und Schnee, seine Füße im kalten Wasser des Polterrain-Brunnens zu waschen, weiß niemand mehr zu sagen. Mittlerweile gehört diese Prozedur zum Fasnetsbeginn wie das ebenfalls praktizierte Abstauben.
Seit 1984 gibt es den „Altkröpfer“. Geschaffen wurde dieser Maskentypus vorwiegend für Ältere, die noch ins Häs schlüpfen möchten, das Narren jedoch behäbiger und leichter angehen wollen. Maske und Kleidle unterscheiden sich dabei nur unwesentlich von den übrigen Hästrägern. Auffallend ist bei dieser Figur nur eine gemächlichere Gangart und das Fehlen von Schellenriemen.
Wie in vielen Narrennestern nimmt die „Lofiner Fasnet“ am 6. Januar mit der nach dem Gottesdienst anberaumten „Fiaßwäsch“ ihren Anfang. Nachmittags machen sich die Narrenräte auf und ziehen in die Häuser, um die Narrenkleidle vom „angehäuften“ Staub zu befreien. Nach getaner Arbeit versammelt man sich im Wirtshaus und lässt den Tag nochmals kurz aufleben. Die Wochenenden bis zur Fasnet sind meist mit Besuchen von Narrentreffen ausgefüllt.
Über die Fasnachtstage mischen die Brudervereine tatkräftig mit. Das närrische Treiben beginnt am „Schmotzigen Donnerstag“ mit der Befreiung der Schüler. Gegen 18 Uhr folgt das Absetzen des Ortsvorstehers mit der Schlüsselübergabe, und anschließend heißt es Jubel Trubel Heiterkeit in den Lokalen. Tags darauf laden die Sportler zum Ball ein, während der Samstag für die Kinder und deren Fasnet reserviert bleibt. Die Musiker ziehen am Sonntagabend eine Schau ab, und der Fasnetsmontag – der Höhepunkt der „Lofiner Fasnacht“ – bringt nachmittags den Umzug, bevor sich am Abend Jung und Alt in der Festhalle beim Ball der Narrenzunft vergnügen. Nach einem letzten Aufflackern des närrischen Geschehens, am späten Dienstagabend, wird gegen 22 Uhr die Fasnet auf dem „Latschariplatz“ verbrannt.
